Allgemein Medizin — 09. November 2012
Die „Schönheitsformel“

Damit haben die Wenigsten von uns gerechnet: Schönheit liegt nicht nur im Auge des Betrachters, sondern lässt sich auch in festen Kennzahlen ausdrücken. So haben beispielsweise Models von heute und Figuren auf barocken Bildern dasselbe Taille-Hüft-Verhältnis.

1993 erregte der US-Psychologe Devendra­Singh mit seinen Untersuchungen über das Taille-Hüft-Verhältnis als Maßstab für weibliche Attraktivität weltweite große Aufmerksamkeit. Singh untersuchte Frauenbilder aus verschiedenen Epochen und vermaß feenhafte Wesen auf Gemälden des Mittelalters, füllige Barockschönheiten, die Wespentaillen des 19. Jahrhunderts und die Proportionen diverser Miss America-Kandidatinnen des 20. Jahrhunderts. Mit überraschendem Ergebnis: Das Verhältnis zwischen Taille und Hüfte pendelte stets um den Wert 0,7 – und zwar vollkommen unabhängig vom Körpergewicht. In dieser Hinsicht liegen Kate Moss, Marilyn Monroe oder die Andromeda des Barockmalers Peter Paul Rubens in derselben Schönheits-Liga.

Schönheit lässt sich in Winkeln, Abständen und Größenverhältnissen exakt messen. Bestes Beispiel dafür ist der berühmte „goldene Schnitt“ – ein mathematischer Ausdruck für das Verhältnis 4:3, das Propotionsbeziehungen beschreibt, die der Mensch optisch als besonders ästhetisch empfindet. Es gibt erstaunliche Überschneidungen, die universell und kulturunabhängig gelten: jugendliches Aussehen (kennzeichnet Frauen als potentielle Nachwuchsproduzentinnen), gleichmäßiges Gesicht und symmetrischer Körper (Gesundheit, Stabilität), glatte Haut und gesundes Haar (gesundes Immunsystem, Hormonspiegel und damit Fruchtbarkeit). Gemäß der Schönheitsformel sind nicht außergewöhnliche Gesichter attraktiv, sondern Augen, Nase, Lippen, Stirn und Mund, die möglichst nahe beim mittleren Messwert der Bevölkerung liegen.

Der Regensburger Psychologe Martin Gründl befragte via Internet 60.000 Männer und Frauen zum Thema Schönheit, indem er ihnen das Bild eines durchschnittlichen Frauenkörpers vorlegte und sie aufforderte, diesen mit einem Morphing-Programm zu einem ästhetischen Ideal hin zu verändern. Die Teilnehmenden waren sich einig: Schönheit, das bedeutet lange Beine, mittelgroße Brüste, eine schmale Taille und eine mittelbreite Hüfte. Die Ergebnisse hat Gründl in eine Schönheitsformel gegossen, in der er die entsprechenden Werte miteinander in Verhältnis setzt.

Kritiker der Attraktivitätsforschung monieren, dass sich über Geschmack bekanntlich nicht nur streiten ließe, sondern dass dieser ebenso beeinfluss- und bestimmbar sei. Der Münchner Literaturwissenschaftler Wilhelm Trapp bezeichnet Schönheit als «Leerformel für das Begehrte». Die konkreten Inhalte wechselten laufend und seien abhängig vom kulturellen und individuellen Wunschbild. Dennoch sei Schönheit nicht allein kulturabhängig, sondern auf simple Lebensfunktionen zurückzuführen: Schönheit sei Zeichen für Gesundheit und diene der Fortpflanzung, so Trapp.

Eine Schlussfolgerung, die man anhand dieser Erkenntnisse ziehen kann: Mit Hilfe moderner medizinischer Optionen könne sich nun jeder entsprechend der Schönheitsformel modellieren lassen. Dr. Armand Herberger, Leiter der Musenhof Kliniken in Deidesheim, hält nicht viel von dieser Ansicht. Wenn sich jeder nach einer einheitlichen Formel operieren ließe, würde die Individualität verloren gehen. Es ginge dann um eine Vereinheitlichung, die die gottgegebene, natürliche Schönheit des Einzelnen unberücksichtigt lässt. Es kann nicht das Ziel sein, alle Menschen äußerlich gleich zu machen. Der Versuch einer Messung von Schönheit mit Hilfe von Formeln, die auf Durchschnittswerten beruhen, muss scheitern. Es bleibt dabei zum einen kein Raum für Individualität und zum anderen komplett unberücksichtigt, wie der einzelne Mensch ein Abbild einordnen würde, wenn er selbst so aussehen würde bzw. müsste. Außerdem gibt Herberger zu bedenken, dass Schönheits-Formeln auch solche Dinge nicht berücksichtigen, welche letztlich Ausstrahlung und Wirkung auf andere Menschen ganz wesentlich mitbestimmen. So sind der Duft eines Menschen, die Art und Weise, wie sich eine Person bewegt, lacht, verhält, usw. – die natürliche Ausstrahlung – nicht messbar. Eine individuelle gesunde, jugendlich-natürliche Ausstrahlung zu erreichen, ist das Recht eines jeden und sollte das Ziel von Maßnahmen bleiben, die ein Mensch unternimmt, um sein Äußeres zu „verschönern“.

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cgroh

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